Drei Kurzgeschichten aus eigener Feder; mal mit Ernst, mal mit Humor.
Geschichten, die zwischen Vergangenheit und Gegenwart pendeln.
Die Begegnung
Eine kleine Liebesgeschichte
Eintönig ziehen die Bilder vorüber. Peter streicht sich gähnend über das gelichtete Haupthaar. Wieder um wieder klappen seine Augenlider herunter und er versenkt sich dabei in Tagträume.
Peter Kramer ist auf der Rückreise von einem Kurzurlaub in der Fränkischen Schweiz. Er mag diese ruhige, wellenförmige Landschaft Oberfrankens sehr gerne. Die vielen kleinen Hausbrauereien dort, mit ihren gemütlichen Brotzeiten liebt er ebenso sehr, als auch die bodenständige Lebensart der Franken. Der ICE wird ihn in wenigen Stunden wieder zu seinem Wohnort Köln zurück bringen. Als freier Mitarbeiter seines ehemaligen Arbeitgebers schreibt er ab und an kleine Reiseberichte; es juckt eben immer noch in den Fingern. So bleibt der Verstand rege, sagt er sich, und das Grübeln kann so auch übertüncht werden. Seit einige Zeit plagen ihn die Zipperlein. Gelenkschmerzen melden sich des Öfteren nun, aber auch ein Hauch von Resignation ist hin und wieder da. Seinen siebzigsten Geburtstag wird er in Kürze feiern müssen. Nein, klagen mag er nicht über den Verlauf seines bisherigen Daseins. Als Redakteur bei einer Tageszeitung ist ihm nie Langeweile zuteil geworden. Beliebt war er aufgrund seines ausgeglichenen Wesens durchaus, und Freunde hatte er schon einige. Verheiratet aber, das war Peter nie. Versuchungen gab es schon einer festen Bindung zuzustimmen; doch irgendetwas in seinem Inneren sagte dann stets nein. Nun ist er bereits einige Jahren aus seinem Beruf heraus, reist viel, wenn auch nicht durch die Welt. Eher behagt ihm das überschaubare Europa mit seinen vielen versteckten Winkeln und Kleinoden. Er muss sich eingestehen, dass er immer Suchender gewesen ist. Doch wonach hat er eigentlich gesucht? Während die Landschaft nach hinten weg flieht, werden seine Augen immer schwerer…
Es ist ein herrlicher Hochsommersonntag, der sich nun dem Abend hinneigt. Nicht mehr ganz leichtfüßig steigen sie die Stufen zu den Bahnsteigen des Kölner Hauptbahnhofs an. Alle sind in bester Stimmung: Herbert, Karli, Heinz Berti und Peter - allesamt Jugendfreunde. Gemeinsam waren sie heute auf dem Rhein unterwegs. Mit Bahn und Schiff nach St. Goar und zur Loreley. Die Loreley wurde nicht nur ausgiebig besungen, sondern es wurde ihr auch kräftig zugeprostet mit Wein, der an den Hängen dieses berühmten Flusses sein Wachstum hat. Ein großer Trinker war Peter wohl nicht mit seinen fast 20 Lenzen, deshalb die auch etwas wackeligen Beine nun. Die noch kraftvolle Abendsonne an diesem flirrenden Augustsonntag des Jahres 1954 schmerzt seinen Augen, wenn ihre Strahlen das rußgeschwärzte, an vielen Stellen beschädigte Dach über der großen Bahnhofshalle durchbrechen. Schnaufend und prustend und mit viel Gekreische schieben sich die Züge von der Hohenzollernbrücke kommend in die große Gleishalle. Die Dampflokomotiven gebärden sich wie Geschöpfe aus urgeschichtlicher Zeit. Peter sieht diesem Schauspiel immer voller Faszination zu. Seine Freunde sind derweil schon in den bereitstehenden Zug gestiegen. Zum Niederrhein müssen sie allesamt. Ein kleiner Ort, wo jeder Jeden kennt; und das war dort schon immer so.
Ein plötzlicher Stoß in der rechten Kniebeuge lässt ihn in die Hocke gehen. Die spitze Kante eines schweren Koffers ist die Ursache. „Oh, ich bitte vielmals um Entschuldigung, ich bin so in Eile… habe ich sie verletzt?“ Peter wendet sich langsam um und blickt zu einem weiblichen Wesen hoch. Das heißt, eigentlich blickt er in zwei Smaragde. „Diese Augen… was sind das nur für Augen?“, schwirrt es in Peters Kopf. Endlos tiefe, grünfarbene Augen. Der genossene Wein und dann dieser Anblick sorgen augenblicklich für beschwingte Unruhe in seinen Gedanken. „Ich muss den Zug nach Hamburg erreichen, aber bei dem Gedränge komme ich mit meinem schweren Koffer nur langsam voran“, spricht ein wohlgeformter Mund zu ihm. „Aber nein, sie haben mir nicht weh getan“, sagt Peter und kommt aus der Hocke hoch. Nun auf fast gleicher Höhe blickt er direkt in diese Augen und spürt dabei ein Kribbeln, so wie es vielleicht nur einmal im Leben geschieht. Dabei kommt er ihr so nahe, dass er den etwas hastigen Atem deutlich auf seinen Wangen spürt. Zwei winzige Grübchen in einem jugendlichen, fast mädchenhaften Gesicht, das von dunkelblondem, bis auf Kinnhöhe reichendes Haar umschmeichelt wird. Ein blaufarbenes Kostüm schmiegt sich über einen wohlgeformten Körper. „Darf ich ihnen behilflich sein…, ich habe noch ein paar Minuten Zeit…“, stottert Peter zu dieser Fata Morgana. Die leicht erschöpft wirkende junge Frau mustert ihn nun auch wohlwollend. Peter hat ein durchaus passables Äußeres: fast hellblondes Haar, blaugraue Augen; und unter dem weißen Hemd wölbt sich ein sportlicher Körper. „Ja“, antwortet sie „wenn sie möchten. Aber nur, wenn es ihnen keine Unannehmlichkeit bereitet. Doch Vorsicht, der Koffer hat ein ordentliches Gewicht“. Das hat er tatsächlich und Peter wundert sich, wo diese graziöse Person die Kraft dafür hernimmt. Sie fühlt seine Verwunderung: „ich komme vom Lande, aus dem Bergischen, da haben alle Frauen Kraft“, indem sie lachend die Stufe zum Zugabteil hoch steigt. Peter schiebt den Koffer in den Gang. „Wohin soll es denn gehen?“ “Zunächst mal nach Hamburg… habe noch eine lange Reise vor mir“, sagt das schöne Wesen. „Nun möchte ich mich aber für ihre Hilfe bedanken“ und streckt Peter die Hand entgegen. „Ich heiße Monika Mann!“ „Peter Kramer, ist mein Name“ und umfasst dabei ihre Hand. Diese hat einen angenehmen, festen Druck.. „Bitte einsteigen und Türen schließen“ ruft es vom Bahnsteig her. Noch leicht benommen, lässt Peter ihre Hand los. Er spürt, dass sie seine Hand eher zögernd loslässt, so als wolle sie mitteilen, dass sie nun zu einem großes Abenteuer aufbricht, dem sie sich nicht ganz gewachsen fühlt „Ich wünsche ihnen eine gute Reise, Monika. Vielleicht sieht man sich mal wieder… ich würde es mir sogar sehr wünschen“. „Danke, das würde ich auch gerne! Doch… daraus wird wohl nichts werden“, sagt Monika Mann mit einem etwas leicht traurigen Unterton in der Stimme. Etwas hastig versucht sie die schwergängige Scheibe des Waggons herunter zu ziehen. „Wo werden sie wohnen, wo kann ich sie erreichen?“, schreit Peter gegen das nun einsetzende Gezische der Lokomotive an. Die Räder der schweren Maschine drehen bei der Anfahrt durch und stören dabei jede weitere Unterhaltung. Aus der Form ihrer Lippenstellung glaubt er ein „Am…“ zu hören, was immer das auch heißen mag?
„Bitte einsteigen“, ruft es jetzt auch von der anderen Bahnsteigkante. Peter steigt zu seinen Freunden in das Abteil und lehnt sich aus dem Fenster. Dass sein weißes Hemd dabei vom vielen Kohlenruß ganz schwarz wird, stört ihn nicht sonderlich. In ihm leuchten nur noch zwei grüne Augen, die sich nun mehr und mehr irgendwo vorne in der einsetzenden Dämmerung verlieren. Er weiß, dass er sich soeben rettungslos in etwas Flüchtiges verliebt hat. Immer wieder in den Jahren danach erinnert er sich an dieses Erlebnis.
Als Peter später als Redakteur in Köln ansässig wird, versucht er anhand umfangreichen Adressmaterials den Namen „Mann“ im Bergischen Land ausfindig zu machen. Es gibt zwar Namensgleichheiten, doch bei seinen Recherchen stößt er immer wieder ins Leere. Die Jahre vergehen, doch im Inneren Peters leuchtet dieses Augenpaar weiter. Es hat sich fest eingebrannt.
…ein Stoß gegen sein Bein lässt Peter aus seinen Träumen hochschrecken. „Entschuldigen sie bitte… mein Koffer… aber ihre Beine ragen zu sehr in den Gang hinein“. Peter versucht sich zu orientieren. Soeben verließ der ICE den Frankfurter Flughafenbahnhof. Der Zug gewinnt rasch an Fahrt. „Richtig, ich muss ja nach Köln“, meldet sich sein Verstand zurück. Die Entschuldigung kommt von einer etwas schwer atmenden Dame mit amerikanischem Akzent, die nun vor ihm Platz nimmt. Ihr Haar hat grauweiße Strähnen und das geschätzte Alter liegt wohl einige Jahre über die Sechzig. Ihr Gesicht jedoch hat noch eine eher jugendliche Fülle. “Sie muss mal sehr schön gewesen sein“, denkt Peter, als er sein Gegenüber nun interessiert betrachtet. Ein fast faltenloses Antlitz; nur um den Mund furchen ein paar Kummerfalten. Die Augen hält sie mit einer leicht getönten Sonnenbrille bedeckt; obwohl draußen eher dunkles Wetter vorherrscht. "Jaja, meine Beine, die waren mir schon immer irgendwie im Wege" versucht Peter ein Gespräch zu beginnen. Auf ihren Wangen werden zwei Grübchen sichtbar, als sie nun lächelt. Sie scheint seine Gedanken zu erraten: „Die Brille trage ich nicht der Sonne wegen sondern meine Augen sind lichtempfindlich.“ „Eine Krankheit?“, fragt Peter. „Eher eine Nervensache, meint mein Arzt“. „Aber ich will sie nicht weiter belästigen – sie sind wohl müde“. „Nein, nein“, erwidert Peter, „ich höre gerne Menschen zu, besonders, wenn der Gesprächspartner mir sympathisch ist“. „Vielen Dank! An meiner Aussprache haben sie wohl schon erkannt, dass ich Amerikanerin bin. Genauer gesagt, ich komme aus Portland, Oregon, hoch im Nordwesten der USA. Oregon ist ein sehr schöner Staat, mit großen Wäldern und hohen Bergen“. „Persönlich war ich noch nicht dort, doch ich habe sehr viel Reiselektüre gelesen, deshalb kann ich mir von ihrer Heimat auch ein gutes Bild machen“, erwidert Peter. „Ich möchte mich vorstellen, mein Name ist Peter Kramer und lebe in Köln“. Einen Augenblick lang scheint sie etwas irritiert, doch dann entgegnet sie: „Ich heiße Monika Miller. Die Großeltern meines Mannes hießen noch Müller und stammen aus Deutschland. Ich selber bin auch deutschstämmig. Mit siebzehn Jahren wanderte ich nach Amerika aus. Verwandte holten mich derzeit rüber“. „Entschuldigen sie meine Neugier, aber gab es einen Grund für das große Amerika-Abenteuer?“ „Ja, ich war vollkommen alleine in Deutschland. Mein Vater war an der russischen Front gefallen“. Ich habe kaum Erinnerungen an ihm, nicht mal ein Foto. Nur seine leuchtend grünen Augen sind in meinem Gedächtnis haften geblieben. Meine Mutter hat den Verlust nie überwunden. Sie war eine sehr schöne Frau“, murmelte die Dame nun mehr zu sich selber. „An meinem 16. Geburtstag habe ich sie das letzte Mal gesehen. Gefunden wurde sie nie.“ Peter war fast geneigt, ihre Hand zu nehmen – zog sie dann doch wieder zurück. Sie hielt kurz inne, um dann fortzufahren: „Bei meinen Verwandten drüben lernte ich meinen späteren Mann kennen. Ein Jahr nach unserer Hochzeit bekamen wir unsere Tochter Sandra. Mein Ein und Alles! Sie sah so aus, wie ich als junges Mädchen - fast mein Ebenbild. Sandra war eine leidenschaftliche Bergsteigerin. Sooft es ihr möglich war, stieg sie durch die Berge Oregons. Das Unheil geschah 1974, an einem schönen Spätsommertag: Sandra sei in einer Schlucht gestürzt - 300 Meter tief, lautete die Nachricht. Hoffnungsvolle 16 Jahre war sie jung!“ Nun ergriff Peter doch ihre Hand und drückte sie stumm. Sie schwieg einen Moment… „doch das Leben zeigte kein Mitleid mit mir. Mein Mann war Geologe, und das mit Leidenschaft. Ich möchte fast behaupten, er war verheiratet mit seinem Job. 1980 dann, während des großen Ausbruchs des Mount Saint Helens, kam er um. Kurz und schlecht, es dauerte viele Jahre, bis ich wieder ein halbwegs lebensfähiger Mensch wurde. Nein, Amerika hat mir kein Glück gebracht.“ Peter glaubte etwas Feuchtes hinter den Gläsern ihrer Brille zu bemerken. „Der Grund meines Besuches in Deutschland ist, ich möchte etwas über meine Wurzeln erfahren. Es ist das erste Mal seit meiner Überfahrt, dass ich mein Heimatland wieder besuche. Beginnen möchte ich nun in Köln. Dort hatte ich das letzte schöne Erlebnis. Damals war ich sogar einen kurzen Moment unsicher, die Reise überhaupt anzutreten. Ein winziger Augenblick in meinem Leben hatte für Verwirrung gesorgt“. „Erzählen sie doch bitte weiter“, meinte Peter. Entschuldigen sie meine Neugier, doch im Beruf war ich Redakteur einer Zeitung, und diese Sorte Mensch will ja alles wissen, lacht Peter„ „Nun, schöne Geheimnisse sollte man für sich behalten“, antwortete Monika Miller. Sie schaut ihm dabei fest in die Augen. Peter glaubte, eine gewisse Unruhe bei ihr zu verspüren, ihre Hände zittern ein wenig. „Wie war ihr Name noch mal…Peter Kramer?“ Murmelnd wiederholte sie den Namen noch mal. „Sagen sie, Herr Kramer, da sie schon mal in Köln wohnen, würden sie mir in den nächsten Tagen etwas von ihrer Stadt zeigen?“ „Aber doch, das würde ich sogar sehr gerne tun, sie sind mir herzlich willkommen, und Zeit habe ich mehr als genug, als Alleinstehender“. Fast unhörbar gleitet der ICE in den Bahnhof ein - Köln ist erreicht. „Übrigens“, sagt sie und berührt dabei Peters Hand, „als ich das letzte Mal auf diesem Bahnsteig stand, genau hier, an einem strahlend schönen Sommerabend des Jahres 1954, da hieß ich noch Monika Mann.“ Während sie das sagt, nimmt sie ihre Sonnenbrille ab. Zwei smaragdfarbene Augen leuchten Peter an…
E n d e
Das Vemächtnis des Johannes
Aus dem Leben eines Schrankenwärters
Das Werk ist getan! Johannes verriegelt die Tür des Geräteschuppens und schlurft ein letztes Mal die 18 Stufen zu seinem Dienstraum - hoch droben im Schrankenwärterhaus. Mit klammen Fingern steckt er ein paar Brikett hinter die Feuerklappe des Kanonenofens, rüttelte mit dem Eisen die Asche durch und starrt in die stiebenden Funken. Auf der Ofenplatte summt leise die blecherne Kaffeekanne. Johannes gießt einen Schluck nach und wärmte sich die Hände an der Tasse. Draußen wirbeln die ersten Schneeflocken gegen die mattfahlen Scheiben. Der Winter grimmt schon recht früh in diesem Jahr. Die Augen des Johannes fahren die Schienenstränge entlang. Irgendwo in der Ferne verliert sich sein Blick. 35 Jahre hat er hier seinen Dienst gelebt, war Schrankenwärter durch und durch. Schranken runter kurbeln, Schranken rauf kurbeln, den Zug zum Kollegen in der nächsten Station weiter melden und zwischendurch die Seilstränge fetten sowie die Lagerung der Schrankenbäume gängig halten. Das war sein Dienst, das war sein Leben.
Die letzten Monate möge er hier doch weiter verbringen, bekam er die Order. Beobachten, dass alles reibungslos läuft. Seine Vorgesetzten wussten natürlich um die große Treue des Johannes zu „seinem“ Schrankenwärterhaus. Sie wollten ihm darum auch keinen neuen Posten mehr geben, sondern einfach die Freude bereiten, hier noch die restliche Zeit seines Dienstlebens zu verbringen. Das sagten sie Johannes natürlich nicht so direkt. Den Glauben daran, dass er eine wichtige Aufgabe erfülle, wollten sie ihm nicht nehmen. Was sollte er auch zu Hause machen? Das kleine, schon recht bejahrte Häuschen war nie seine Welt gewesen. Dieses Haus hatte er stets der Obhut seiner Anna überlassen. Doch die Anna war nun auch schon 10 Jahre tot. Allzu viel hatte die Anna auch nicht von ihrem Johannes gehabt. Zuviel Zeit hatte er in seinem „eigenen Reich“ verbracht. Hinter dem Schrankenhaus, auf der Südseite, hatte er nach und nach, so ganz nach seiner Vorstellung, ein kleines Paradies geschaffen. Einen Gemüsegarten angelegt, Blumen in prächtigen Farben erblühen lassen und einen Kirschbaum gepflanzt. Am Haus, das eine stattliche Höhe aufwies - des Überblicks wegen, weil die Streckenführung einen weiten Bogen machte - rankten sich die schönsten Kletterrosen. In den Brombeersträuchern, die als natürliche Hecke dienten, summten im Sommer unzählige Bienen; und Vögel fühlten sich hier auch recht wohl. An der wärmenden Mauer saß er des Öfteren auf der selbstgezimmerten Holzbank und schaute seinen Kaninchen zu, die er dort in einem kleinen Verschlag hielt. So drei vier von der Sorte hatte er immer dort untergebracht. Sooft es ihm möglich war, saß er während der hellen Tage in seiner stimmigen Welt und schmauchte genügsam sein Pfeifchen. Die Anzahl der Züge hielt sich in Grenzen; der Fahrplan war ohnehin im Kopf gespeichert. Auf die Sekunde genau wusste er, wann es dienstlich werden würde. Für die Nacht löste ihn dann stets der Kollege Karl ab. Der wollte immer nur den Nachtdienst haben, der Gemütlichkeit und der Ruhe wegen. Karl las dann Unmengen von diesen Groschenroman-Krimis. Züge fuhren des Nachts eh’ nur spärlich.
Vom Schrankenwärter Johannes wusste man eigentlich eher wenig. Wenn man es genau betrachtete, sogar fast nichts. Oft sahen die Leute ihn draußen in der Sonne sitzen. Sie grüßten ihn, er grüßte zurück – das war es dann auch schon. Ein richtiges Schwätzchen wurde ihm nur höchst selten entlockt. Und wenn die kalte Jahreszeit begann, gewahrte man ihn kaum noch; bestenfalls wurde sein Schatten unter der funzeligen Lampe droben im Dienstraum gesichtet.
Johannes streicht noch mal liebevoll über jedes Detail des eher karg eingerichteten Raums. Wie oft hatte er in den Jahren hier an den Fenstern gestanden, wenn die Züge vorüber donnerten. Immer die Hand an der Mütze zum Gruß erhoben. Die meisten Lokführer kannten ihn wohl und erwiderten sein Gruß mit einem kurzen Pfiff aus der Lokomotive heraus. Wo diese dann hin fuhren, hat ihn gar nicht so sehr interessiert. Er selber war kaum aus seiner angestammten Heimat heraus gekommen. Die Kreisstadt hatte er hin und wieder besucht, und mit der Anna war er einmal für eine Woche in den Westerwald; und dann war er noch in Berlin gewesen. Doch in dieser Stadt hatte er sich gefürchtet – viele Menschen waren nicht sein Ding. Fortan zog er es vor, die Welt klein zu sehen. 20 Kilometer im Kreise, so etwa. Seine Welt war überschaubar. Änderungen liebte er so gar nicht. Sich den Kopf mit Büchern zu zerbrechen, betrachtete er als unsinnig. Johannes war ein bisschen einfach „gestrickt“, so kann man es wohl umschreiben. Was er unbedingt wissen musste, erfuhr er aus der Lokalzeitung und aus einem alten Röhren-Radio; mit den Jahren kam auch noch ein kleiner Fernseher hinzu.
Nun war geregelt, was noch zu regeln war. Johannes löste sich aus seiner Starre, entkrampfte die Hände von der blechernen Tasse, löschte das Feuer im Ofen und packte dann seine wenigen Habseligkeiten in einem Rucksack: die Kaffeekanne, die Tasse mit den vielen Emailsprüngen, das Essbesteck, ein paar Lebensmittel… und das Fahrbuch natürlich. Das war's! Draußen drehte er den Schlüssel einmal im Schloss und ging dann stockenden Schrittes die Stufen hinunter. Den Kragen seiner dicken Dienstjacke schlug er hoch; ein kalter Ostwind griff in sein Gesicht.
So ging er forschen Schrittes, ohne sich auch nur noch einmal umzuwenden in den späten Nachmittag. Nächsten Tages würde ein kleiner Bahntrupp anrücken, um das noch verwertbare Inventar auszuräumen. Dann würde die Stille Einkehr halten. Doch das würde Johannes nicht mehr sehen wollen. Johannes verließ sein Haus dann auch nur noch, wenn es um nötige Einkäufe ging oder ein Besuch zum Arzt unumgänglich wurde.
Die einen sprachen von einer unheilbaren Herzkrankheit, andere sagten, er hätte mit seiner Welt nichts mehr anfangen können. Und so trug man ihn zu Grabe, den Johannes – nicht mal ein Jahr später.
Das alles ist nun schon ein paar Jahrzehnte her. Doch seit Johannes damals das Schrankenwärterhaus verließ, machten seltsame Gerüchte die Runde. Es Spukt! Sagen die Leute. So ein um das andere Mal wurde aus dem Haus heraus ein verzerrt klingender, scheppernder Glockenschlag vernommen. Immer wieder berichteten auch Spaziergänger davon. Hin und wieder sah man Landstreicher dort herumstreunen. Deshalb wurde das Geräusch auch jenem Gelumpe zugeordnet. Doch auch die Landstreicher verschwanden meist nach kurzer Zeit. Das Gebäude war ihnen nicht so ganz geheuer. Nicht Wenige hielten das Geraune darüber aber für reine Spinnerei. Doch dann hatten es auch wieder andere gehört, die dort bei Regen eine Weile vor dem Schlechtwetter Schutz suchten. Tatsächlich, so wusste man mittlerweile, wurde nur bei nasser Witterung dieser seltsame Glockenklang vernehmbar. Der Johannes spukt dort rum; er findet keine Ruhe, hieß es schon lange. Für die Kinder im Ort bedeutete das Betreten dieses Gruselhauses dann auch die absolute Mutprobe; damit konnte man bei der übrigen Kinderschar Respekt sammeln.
Vor wenigen Jahren nun wurde das umliegende Land jenseits des Bahnübergangs zu Bauland erklärt. Damit schlug auch die endgültige Todesstunde des Spukhauses. Es passte nicht zu den neuen Häusern in der Umgebung. Und außerdem, je nach Wohnlage, störte es die freie Sicht auf einen Buchenhain. So rückte dann schnell ein großer Bagger an. Und in weniger als 2 Stunden stand nur noch die östliche Grundmauer, die in einem Hang hinein gebaut war. Franz, der Baggerführer, hatte schnell ganze Arbeit geleistet und machte sich nun daran, auch diesen Rest abzutragen. Als er dann die Baggerschaufel mit Schwung gegen die Mauer krachen ließ, tat sich darin eine Öffnung auf. Sein geschulter Blick witterte natürlich sofort etwas. Mit einer großen Taschenlampe leuchtete er in den dahinter liegenden Hohlraum hinein. Dort öffnete sich ein etwa garagengroßer Raum, der in den Hang gehöhlt und mit dicken Holzbohlen gegen Einsturz gesichert war. Rasch vergrößerte Franz die Öffnung so weit, dass er durchsteigen kann. Inmitten des Raumes sichtet er eine große, auf einem Holzgestell aufgebockte Platte. Als er nun die mit dickem Ölpapier abgedeckte Platte nach einem ersten flüchtigen Blick neugierig untersucht, pocht sein Herz doch gewaltig. Er sichtet eine Modelleisenbahnanlage. Eine Anlage mit solcher Detailgenauigkeit hatte er bisher nie gesehen. Da stimmte aber auch jede kleinste Kleinigkeit. Fast sah es so aus, als wären die vielen Züge dort soeben noch gefahren worden. Dazu sei angemerkt, dass der Franz ein großer Eisenbahnfan ist. Besonders die alten Eisenbahnen haben es ihm angetan. Und in seinem Hobbykeller türmt sich das „Zeugs“ - wie die Gattin zu seiner Liebhaberei zu sagen pflegt - bis in allen irgendwie noch freien Ecken.
An den Wänden ringsum waren alle Sachen aufgereiht, die ehemals zu einem echten Schrankenwärterhaus gehörten: Signallampen, ein Horn, Kurbeln zum Bedienen der Schranken, ein alter Dienstmantel sowie eine Dienstmütze. In der hintersten Ecke stand das Läutewerk der Schranken, das ehedem dazu diente, Fußgänger und Autofahrer vor dem Niedergehen der Schranken zu warnen. Dieses Läutewerk hatte der Johannes mit einem Federmechanismus gekoppelt. Und dieser wiederum war mit einem kleinen gewölbten Behälter verbunden, ähnlich dem einer Waagschale.
Draußen geht derweil ein Sommergewitter ab. Franz beobachtet nun, wie aus einem dünnen, verrosteten Rohr ein spärlicher Wasserstrahl fließend, die Schale langsam füllt und dabei die Metallfeder spannt. Als das Behältnis nahezu voll gelaufen, kippt es nach vorne und entlädt das Wasser. Dabei löst sich die Federspannung und lässt den Klöppel des Läutewerks gegen das Eisen schlagen. Fasziniert schüttelt Franz den Kopf und schiebt sich die Kappe in den Nacken. Und schon füllt sich die Schale erneut mit Regenwasser. Das Geheimnis um das spukende Schrankenwärterhauses wäre somit gelüftet.
Die Augen des Franz leuchten wie bei einem Kind im vorweihnachtlichen Spielzeugladen. Immer wieder entdeckt er neue Kleinigkeiten, die sein Herz vor Freude merklich pochen lässt. Ja doch, den alten Johannes hatte er schon noch gekannt. Kind war er damals, da hatte er ihn einige Male hier besucht. Wortkarg war er, und ein bisschen hatte er den Griesgrämigen auch gefürchtet. Doch stets, so war ihm schon damals aufgefallen, hatte der Johannes ein Funkeln ihn den Augen, wenn ein Zug angekündigt war; um dass er dann sogleich mit viel Schwung und unter dem Einsatz des ganzen Körpers die Schranken herunter kurbelte. Auf dem Steuerstand der Anlage sichtet Franz einen verblichenen Briefumschlag, den er nun neugierig öffnet. In krakeliger Handschrift steht dort in sparsamen Worten: „Es dauert wohl nicht lange, bis ihr meinem Geheimnis gewahr werdet. Den Entdecker diese Ortes bitte ich inständig, diese Anlage sehr pfleglich zu behandeln. Dies alles hier war mein Leben, bevor es mir genommen wurde. „Johannes“, murmelt der Franz nun doch sehr gerührt, „ich verspreche dir, dass ich dein Erbe in Ehre halten werde… und viele sollen es sehen“.
Die Sonne bricht nun strahlend durch und bringt dem Raum ein Leuchten. Erneut schlägt der Klöppel auf Eisen. Ein letztes Mal!
E n d e
Das Lied der Kastanien
Ein Niederrhein-Krimi
Die ersten großen Herbstwinde rauschen über den flachen Niederrhein hinweg und lassen die alten Kastanienbäume ächzen und stöhnen; die Kronen wiegen und biegen sich, ein Raunen erfüllt die Luft, Früchte prallen zu Boden und brechen aus ihrer stacheligen Schale, und inmitten der tosenden Natur, die kleine Anna.
Flink wie ein sommerlicher Wirbelwind springt sie zwischen den runzeligen Stämmen hin und her. „Rüüttel mich, schüüttel mich, mein Geheimnis kriiegst du nicht“, raunt es ihr bei jedem Windstoß aus den mächtigen Baumkronen entgegen. Ja, die Anna hat schon eine ausgeprägte Fantasie. Sie lässt die Bäume singen, was immer auch der Herbstwind darauf instrumentieren mag. Und Anna jauchzt ein ums andere Mal zurück: „Rüttel mich, schüttel mich, mein Geheimnis kriegst du aber auch nicht“, und reckt dazu lachend ihre kleine Faust zum mächtigsten dieser Bäume hoch. Den großen, neugierigen Knopfaugen entgeht fast keine Kastanie. Über die kleinen Schultern baumelt quer ein Stoffbeutel. Rasch füllt dieser sich mit den herbstlichen Genüssen. „Aua“, schreit die Anna, wenn der Wind mal wieder eine geschlossene Frucht in das dichte, blonde zu Zöpfen gebändigte Haar trägt. Die zierlichen Finger stecken schon voller kleiner Stacheln. Doch sie denkt an den herrlichen Duft gerösteter Kastanien, die sie am Abend eine nach der anderen verkosten will.
Anna ist ein aufgewecktes Kind mit ihren acht Jahren; und dabei gar kein bisschen ängstlich. Ihre Mutter im nahen Dorf macht sich deshalb auch keine allzu großen Sorgen, ist doch hier im überschaubaren Kreise noch nie etwas passiert. Oder vielleicht doch…? Vor wenigen Jahren war urplötzlich diese junge Russin verschwunden. Während des Krieges war die junge Frau als Fremdarbeiterin dem Gut Helpenstein zugeteilt. Und später, als friedvollere Zeiten anbrachen, blieb sie einfach dort. Die Irina war beliebt, sehr beliebt sogar; wenn auch fast ausschließlich beim männlichen Teil der Bewohner. Sie war eine Schönheit. Dessen war sie sich durchaus bewusst. Selbst für den unattraktivsten Mann hatte sie noch ein Lächeln über. Doch dann verschwand sie urplötzlich, so als wäre sie vom Erdboden verschluckt. Der weibliche Anteil nahm das Verschwinden eher mit heiterer Gelassenheit, doch auch mit einem Aufatmen zur Kenntnis. Beim männlichen Geschlecht hingegen erzeugte der Name Irina auch in späteren Jahren noch für seliges Leuchten in den Augen, im Dorfgasthof, bei vorgerückter Stunde, beim vorvorletzten Bier.
Der Anna fehlte all’ dieses Wissen natürlich. Wenn sie über die lange Baumallee tollte, die hier das verwunschen daliegende Wasserschloss Dyck mit dem Nikolauskloster verbindet, wurde ihr so manches Mal eine fremde Gestalt gewahr, die ruhelos unter den Bäumen dahin schritt. Eine männliche Gestalt, gehüllt in einer langen, derben Jacke, die Kappe stets tief über die Ohren gezogen, den Mantelkragen hoch ins Gesicht gestellt. Für einen Moment hielt diese Gestalt dann stets inne und wandte einen kurzen Blick zur Anna hin. Ein Ausdruck klagender Traurigkeit bemerkte sie in den Augen des Unbekannten; aber dann doch mit dem Hauch eines Lächelns behaftet.
Der heutige Tag jedoch sollte sich tief in das junge, noch unbelastete Leben der Anna einprägen. Als sie die mächtigste der Kastanien erreicht und soeben ihr lustigtrotziges „Rüttel mich, schüttel mich…“ anstimmt, stockt sie mitten im Gesang und ihr kleines Herz fängt mächtig zu pochen an. Ein langes Seil schaukelt straff im Winde, und daran wiegt jene Gestalt, die sie stets so traurig, so stumm angeschaut. Die Kappe hängt nun schief über das Gesicht, und das noch sichtbare, weit aufgerissene Auge blickt starr zu ihr runter. Wie gesagt: ein ängstliches Mädchen ist die Anna nun beileibe nicht, doch nun entfernt sie sich mit eilig trappelnden Schrittchen vom Ort des Grauens, ohne sich auch nur noch einmal umzuschauen. Wir schreiben das Jahr 1953.
Viele Winde sind durch die alte Kastanienallee gerauscht, nun schon mehr als ein halbes Jahrhundert lang. Und vor mehr als einem halben Jahrhundert war die Anna mit ihren Eltern ins Norddeutsche verzogen. Dort in Ostseenähe fühlte sie sich so recht wohl, weil der Wind da zuweilen noch mächtiger pustete, als in der vertrauten Heimat. Später fand die große Anna dort ihr Glück; welches sie dann auch heiratete. Nie mehr war sie zurückgekehrt zum Dorf, zum Schloss, zur Kastanienallee. Das schaurige Drama ihrer Kindheit hatte die Anna in den Jahren verdrängt.
Warum, das wusste sie nicht so genau, doch irgendetwas im Innern Annas forderte dazu auf, die Heimat ihrer Kindheit aufzusuchen. Ihre jüngste Enkeltochter, die Paula, nahm sie mit auf die Reise zum Niederrhein. Unterkunft fanden beide im Dycker Weinhaus. Zu Kindertagen war Anna dort mit ihren Eltern an den sommerlichen Sonntagen eingekehrt. Danach folgte stets der gemeinsame Spaziergang unter den mächtigen Buchen des großen Schlossparks. Jungverliebte schnitzten gerne Herzchen mit dem Namen der Allerliebsten in die Baumrinde.
Doch nun war um die gesamte Parkanlage ein Zaun errichtet worden. Beim nostalgischen Parkgang entdeckt Anna sogar ihren Namen an einer der riesigen Buchen. Im kindlichen Übermut hatte sie ihn eingeritzt, damals. Nun war dieses „Anna“ aufgequollen wie ein Krustenbrot. Um die Kastanienallee herum war nun ebenfalls in Gänze einen Zaun gezogen. Gesperrt! Zum Schutze der Bäume, aber auch zum Schutze der Menschen.
Die Nacht über hatte ein heftiger Herbststurm das Land gebeutelt; und mancher Baum hatte den Tag so nicht mehr in aufrechter Haltung begrüßen dürfen. Anna und die kleine Paula wandern am Zaun der Allee entlang, Richtung Kloster. Beide füllen ihre Taschen mit den herübergewehten Kastanien. Plötzlich kommt Anna das Lied aus fernen Kindheitstagen in den Sinn. Erst nur ein wenig summend, dann jedoch aus voller Kehle: „Rüttel mich, schüttel mich, mein Geheimnis kriegst du nicht.“ „Was singst du denn da, Omi?“ belustigt sich die kleine Paula. „Hörst du denn nicht, was die Bäume dir zuraunen im Winde?“, spricht Anna zu ihrer Enkelin und schaut sie dabei mit einem geheimnisvollen Blick an. Doch schon wird das Interesse beider auf etwas anderes gelenkt: „Omi, schau mal dort, was ist das?“ Anna sieht, dass der alte, mächtige Baumriese ihrer Kindheit in der vergangenen Nacht umgestürzt ist. Die mächtigen Wurzeln ragen wie klagend in den bleigrauen Herbsthimmel. Doch das Schaurigste bemerken sie erst jetzt beim Näherkommen. Skelettteile sind durch die hochschnellenden Wurzeln empor gerissen worden und liegen nun verstreut umher, einige haben sich in den Wurzeln verfangen.
Eine Masse Mensch eiert auf unförmig breitgetreten Schuhen, die satte 130 kg zu tragen haben, auf der Allee entlang. Man hört ihn schimpfen. Das Pfeifen seines Atems ist kaum vom noch immer heftig pustenden Wind zu unterscheiden. Seines Ganges wegen hat er bei den Kollegen den Spitznamen „Kommissar Eiermann“ erhalten.
„Gestatten, Kommissar Weiermann! Wer sind sie?“ „Ich bin die Anna Maybaum… und das ist meine Enkelin, die Paula. Wir sind hier auf Kurzurlaub. Die Leiche, ich meine das Skelett, ist von uns entdeckt worden.“ „Hier deutet wohl alles auf ein Gewaltverbrechen hin“, murmelt Weiermann. Unter den Wurzeln entdeckt er die Fetzen einer Ledertasche. Darunter findet sich eine flache, angerostete Zierdose. Neben einem Ring, einem goldenen Halskettchen mit Kreuz, sowie einigen D-Mark Scheinen befindet sich auch noch ein kleines Notizbuch dabei. Die Jahreszahl „1949“ ist auf dem Deckel eingeprägt. Beim Aufblättern wird ein Name sichtbar: „Irina“! Auf einer weiteren Seite, teils mehr teils weniger gut lesbar, ein gutes Dutzend weiterer Namen. „Mir bleibt wohl nichts erspart, nun darf ich auch noch antike Gräueltaten aufklären“, brummelt Weiermann ärgerlich. „Wie lange bleiben sie in der Gegend, Frau Maybaum?“ „Ich beabsichtige etwa eine Woche im Dycker Weinhaus zu bleiben. Meine Kindheitserinnerungen möchte ich etwas auffrischen und dabei meiner Enkeltochter zeigen, wo ich als kleines Mädchen gelebt und gespielt habe.“ „Der Auftakt hierzu ist ja schon recht heftig“, meint Weiermann. „Frau Maybaum, ich werde mich dann in den nächsten Tagen bei ihnen wieder melden.“
Ein paar Tage weiter... Der Kommissar erscheint wieder im Dycker Weinhaus. „Genauere Untersuchungen haben ergeben, dass es sich tatsächlich um ein weibliches Skelett handelt. Kleinere, nicht zuzuordnende Skelettfragmente weisen darauf hin, dass die Person bei ihrem Ableben schwanger war.“ Anna kommt nun ihr Kindheitstrauma wieder voll zu Bewusstsein. Der Baum, der Strick, das weit aufgerissene Auge… Es fällt ihr nicht leicht, darüber zu reden. „Ich habe nun fast alle Namen entziffern können“, meint Weiermann. Er holt seine Notizen aus der Manteltasche und liest sie vor. Anna geht mit ihren Gedanken weit zurück, versucht sich zu erinnern. „Ich war noch sehr jung damals…, doch, ja, ich erinnere mich, dieser Wilhelm Breuer, der wohnte unserem Haus schräg gegenüber. Die anderen Namen sagen mir momentan nichts. Falls dieser Breuer noch leben sollte, dürfte er aber schon recht betagt sein“, wendet Anna noch ein. Nun erwacht in Weiermann das Jagdfieber.
„Weiermann, mein Name. Sind sie Wilhelm Breuer?“ Ein noch rüstig wirkender alter Mann, der mit einem Besen das Herbstlaub vor seinem Haus zusammen fegt, schaut etwas belustigt hoch: „Betteln und Hausieren verboten, können sie nicht lesen? Eier haben wir auch noch genug, falls sie solche verkaufen wollen.“ „Nein, nein, mein Name ist Weiermann, Kommissar Weiermann.“ „Ach so! Habe ich was Unanständiges verbrochen?“, schaut der alte Wilhelm neugierig grinsend. „Deshalb bin ich hier, um das herauszufinden“, blinzelt Weiermann etwas windschief. „Worum es geht, dürften sie schon aus der Presse erfahren haben“. „Ach, sie kommen wohl wegen des Gerippes auf der Kastanienallee?“ „Genau! Ihr Name befindet sich im Notizbuch der Toten. Es ist zwar sehr lange her, doch möglicherweise ist damals ein Mord geschehen und das Gerippe hieß zu der Zeit Irina“, provoziert der Kommissar und schaut Breuer dabei durchdringend in die Augen. „Wilhelm, wer ist denn da?“, krächzt eine Stimme aus Richtung des Fernsehers im Wohnzimmer. „Ist das der Eiermann?“ „Nein Trudi, schlaf ruhig weiter, es ist nichts“ grummelt Wilhelm. „Psst, nicht so laut, Herr Kommissar, meine Frau braucht von der Geschichte nichts zu wissen. Zu jener Zeit damals war ich ja schon verlobt… doch die Irina, das schöne Russenweib, hat mir damals ganz schön den Kopf verdreht. Na ja, man ist ja nur einmal jung, und da lässt man so schnell nichts anbrennen.“ Da muss selbst Weiermann grinsen, war er doch auch mal schlank und rank und auch gar kein Schwerenöter. „Aber“, spricht Breuer weiter, „ die halbe männliche Jugend war derzeit recht kopflos“, und zwirbelt dabei innerlich vergnügt die Enden seines Bartes, „aber auch die reiferen Jahrgänge“. Breuers Gesichtsausdruck zeigt sich dabei wehmütig verklärt. „Schauen sie sich meine Namensliste einmal genauer an, wer könnte an das Ableben dieser Irina ein gewisses Interesse gehabt haben, Herr Breuer?“ Er schiebt die Brille auf seiner Nase zurecht und liest die Namen aufmerksam durch. „Ach Gott, eine Menge Leichen sind hier aufgeführt, ääh, ich meine, es sind schon viele verstorben. Der Hugo lebt nicht mehr, auch der Franz nicht; der Jupp und der Johannes sind auch schon tot, die beiden Gottschalk-Brüder haben sich bereits in jungen Jahren tot gefahren; der Hein Berger und auch der Peter Hurtz sind erst kürzlich verstorben.“ „Und was sagen ihnen die restlichen Namen, Herr Breuer?“ „Wenig! Vom Schloss könnte möglicherweise einer dabei sein. Doch darüber wurde nur gemunkelt. Auch im Kloster soll man nicht ganz keusch gewesen sein… sagte man?“ „Interessant, interessant , was sich auf dem Lande so alles abspielt“, räuspert sich der Kommissar. „Aber hier, der Name ganz unten, dazu fällt mir schon was ein. Dieser Friederich vom Gut Helpenstein, der hatte schon eine Menge mit der Irina zu tun. Die Frau war dem Gut zugeteilt; und ist auch nach dem Kriege noch dageblieben. Das hatte mit dem alten Helpenstein zu tun, der war hinter allem her, was besser aussah, als seine eigene Frau. Wofür man aber schon ein gewisses Verständnis aufbringen konnte; diesen Drachen habe ich noch gut in Erinnerung.“ Während er das so sagt, muss Breuer doch herzlich lachen. „ Reden sie ruhig weiter, ich bin ganz Ohr“, unterbricht Weiermann. „Ja, und was den jungen Helpenstein betrifft… der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Auf Gut Helpenstein wurden die Betten nicht so schnell kalt.“ „Sie würden den beiden also möglicherweise zutrauen…?“ sieht Weiermann fragend zu Breuer hin. „Es hieß damals, die Irina sei schwanger. Sie selber soll dann mal geäußert haben, dass der junge Friederich daran nicht unschuldig sei? Am besten, sie fragen ihn doch einfach selbst.“ „Der lebt noch?“, schaut Weiermann überrascht. „Oh ja! Und er ist sogar putzmunter. Der eigenen Schwiegertochter soll er sogar schon nachgestellt haben“, grinst Breuer. „Allerdings ist er ist nicht mehr so ganz richtig im Kopf. Seitdem er betrunken vom Mähdrescher gefallen, und von diesem dann überrollt wurde, hat er einen kleinen Dachschaden. Aber wie gesagt, sonst ist er noch ganz vital.“ „Danke, Herr Breuer, nichts für ungut, aber möglicherweise kläre ich einen Mord auf, und Mord verjährt nun mal nicht.“
Es hat angefangen zu regnen. Der Wirtschaftsweg zum Gut, das auf einer leichten Anhöhe thront, liegt voll schmieriger Ackerboden. Die aufgewirbelten Brocken klatschen gegen die Kotflügel des Dienst-Golfes. Eine Mistkarre mit dampfendem Inhalt versperrt Weiermann den Weg. „Hallo, ich möchte zu Friederich Helpenstein“, ruft Weiermann einen daherschlurfenden Alten an. „Was bist du denn für einer?“, meint der Alte und streicht sich dabei die triefende Nase am Jackenärmel ab. „Weiermann, Kommissar Weiermann von der Mordkommission.“ „Hier wird niemand ermordet, das müsste ich ja wissen. Ich bin der alte Fritz und habe hier alles im Griff.“ „Nun gut, wenn sie der Friedrich Helpenstein sind, dann können sie sich ganz bestimmt an eine Irina erinnern, die hier einmal gearbeitet hat?“ „Welche Trina?“ „Irina“, wiederholt Weiermann, „diese junge Russin, die im Kriege hier gearbeitet hat. Fällt der Groschen?“ „Ach die! Die wollte doch ein Kind von mir, das Luder. Dann hatte sie plötzlich einen dicken Bauch und meinte, dass wir nun heiraten müssten. Da war mein Alter aber stinkig. Dabei hatte die Irina doch immer die Betten bei ihm aufgeschüttelt.“ „Und“, hakt Weiermann nach, „wer ist den nun der Vater?“ „Wer weiß, wer weiß, die Irina war immer heiß. Frage doch mal bei den schwarzen Teufeln nach.“ „Welche schwarzen Teufel?“, schaut Weiermann verwundert. „Na, die im Kloster, die hatten die Hände auch nicht nur zum Beten da“, grinst der Alte. „Das wird ja immer schöner“, greift Weiermann sich an den Kopf. „Lebt das Russenmädchen denn noch in der Gegend?“, schaut Helpenstein nun erwartungsfroh?“ „Nein, ganz sicher nicht, deshalb bin ich ja hier. Sie wurde die Tage in der Kastanienallee gefunden, als Skelett. Damals wurde sie dort verscharrt, als sie schon schwanger war.“ Ich schwöre auf alles“, schlägt Helpenstein sich an die Brust, „damit habe ich nichts zu tun.“ „Wir werden sehen“, sagt Weiermann, „doch schauen sie mal auf meine Namensliste, wer könnte A. Gr. sein? Oder wer P. Hubertus?“ Helpenstein schiebt sich die Mütze im Nacken… „den einen kenne ich nicht! Aber dieser P. Hubertus, da steckt der Pater Hubertus vom Kloster hinter.
Kommissar Weiermann lenkt seinen Golf in den Klosterhof. Die Sonne schickt gerade ein paar wärmende Strahlen durch die grauen Herbstwolken. Auf einer Bank vor dem Klosterfriedhof bemerkt Weiermann eine betagte Gestalt. Die Haare schlohweiß, der Rücken gekrümmt, die rheumageplagten Hände auf einen Stock gestützt. Müde wendet sie den Kopf zum Ankommenden. „Ich weiß schon, sie sind der Kommissar Weiermann.“ Weiermann grüßt freundlich. „Woher wissen sie?“ „Die Anna Maybaum hat mir von den Geschehnissen erzählt. Sie ist mit ihrer Enkelin drüben in der Klosterkirche.“ „Darf ich fragen, wer sie sind?“ Dabei schiebt Weiermann sein gewaltiges Doppelkinn noch etwas weiter über den Hemdkragen. „Ich bin Pater Joseph, ich lebe schon seit 60 Jahren hier. Nun genieße ich meinen Lebensabend und hoffe, dass der Herr mir noch ein paar Jährchen gönnt.“ Weiermann ist etwas ungeduldig und möchte seine Namensliste zu Ende bringen. „Pater, was sagt ihnen der Name Pater Hubertus?“ „Eigentlich nur Gutes. Wir waren Freunde damals.“ „Damals?“, schaut Weiermann den Pater fragend an. „Wir waren jung. Der Hubertus sah verdammt gut aus. Dann kam dieses Russenmädchen vom Gut Helpenstein des Sonntags zur Messe in die Klosterkirche. Sie gab nicht eher Ruhe, bis der Hubertus schwach wurde. Wir sind eben auch nur Menschen. Das Ende war, mein Freund, der Hubertus musste das Kloster verlassen. Fortan lebte er in einem Einödkloster in der Eifel. Einige Male habe ich ihn dort besucht. Er starb dann plötzlich an Herzversagen, der Arme. Möge er in Frieden ruhen.“ „Könnte er etwas mit dem Tode jener Irina zu tun haben?“ Nein! Auf keinen Fall! Der Hubertus hätte sogar der sprichwörtlichen Fliege kein Leid zufügen können“, versucht Joseph den Kommissar zu überzeugen. „Irgendwie komme ich nicht so recht weiter“, murmelt Weiermann. Die Männer des ganzen Dorfes samt Umgebung waren anscheinend mit dieser Frau befreundet. Eifersüchteleien und dann noch diese Schwangerschaft, das ergäbe schon Gründe genug, Gewalt anzuwenden.“
Anna kommt aus der Kirche und tritt interessiert hinzu. „Hallo“, begrüßt sie den Kommissar, kommen sie weiter mit ihren Ermittlungen?“ „Leider noch nicht so sehr. Doch sagen sie Pater, wer oder was könnte sich hinter dem Kürzel A. Gr. verstecken?“ Pater Joseph legt seiner Stirn noch ein paar Falten hinzu und schaut weit in die Vergangenheit zurück. „Doch! Das war dieser arme Kerl, Alfred Grünbach hieß er. Zumindest gab er sich dafür aus. Ob es sein richtiger Name war, keiner wusste es genau. 1949 erschien er plötzlich hier am Kloster und bat darum, gegen Kost und einer Schlafstelle alle Arbeiten verrichten zu wollen, die anfallen sollten. Seine ganze Familie soll er im Kriege verloren haben. Er sah sehr verhärmt aus. Da er ein nettes Wesen hatte und auch gebildet wirkte, nahmen wir ihn auf. Fortan hielt er die Klostergärten in Ordnung und machte auch die Reparaturen im Haus, so gut es ihm möglich war. Ein lieber Kerl, der Alfred… wenn er nur nicht so verschlossen gewesen wäre. Irgendetwas muss ihn sehr bedrückt haben. Jeden Morgen, in aller Früh', konnten wir ihn beim Beten an der Mariengrotte sehen.“ „Was wissen sie sonst noch über ihn?“, forscht Weiermann. Der Pater weiter: „Dann kam dieser unselige Herbstmorgen, 1953 war es, als wir den Alfred dort drüben von einem Kastanienbaum schneiden mussten.“ Anna schaut erschrocken hoch, war sie doch nun wieder voll in das Geschehen eingebunden. „Drüben“, deutet Hubertus mit dem Stock zu dem kleinen Kriegsfriedhof, „ dort wurde er begraben. Anonym! Nur ein gepflanzter Baum erinnert noch an das Grab.“ „Wo hatte er denn sein Zimmer im Kloster?“ „Auf dem Dachboden, Herr Kommissar. Es war auch eher ein Holzverschlag, der dann später wieder abgebaut wurde.“ „Kann ich da mal hoch?“ „Natürlich, Herr Kommissar, wenn sie dabei auf meine Person verzichten möchten“, und deutet auf seine Beine. „Ganz hinten, wo die alten Schränke stehen, dort sind sie dann richtig.“ „Darf ich mit hoch, Herr Kommissar, irgendwie fühle ich mich diesem Menschen verbunden. Paula, leiste dem Pater Franziskus solange Gesellschaft.“ „Ich gebe schon Acht auf die Kleine, nur zu“, sagt Pater Hubertus. Oben angekommen jappst die Lunge des Kommissars wie ein Herbststurm im Stimmbruch. Viel zu sehen gibt es hier droben allerdings nicht. Die Schränke sind fast leer. Ein paar verstaubte Fotos in einer Holzschachtel. Anna glaubt darauf jenen traurigen Menschen zu erkennen, den sie damals in der Kastanienallee gesehen hatte. Auf den Fotos jedoch lacht er. Im Arm eine junge Frau haltend, drumherum eine fröhlich dreinschauenden Gruppe. Seine Familie wohl. Auch ein Foto einer hübschen jungen Frau, auf der Schlossbrücke aufgenommen, ist zu sehen. „Das muss diese Irina sein“, ist sich Anna sicher. In ihrer Erinnerung ist der fröhlich lachende junge Mann auf den Fotos jedoch nur alt und verhärmt. Welch ein Wandel. Weiermann pustet den Staub von einem Buch, das dort grau und unscheinbar in einem Schrankregal liegt. Eine Bibel! Er lässt die Seiten durch die Finger blättern, und entdeckt eine vergilbte Seite Briefpapier. Das Geschriebene ist aber noch gut lesbar:
Mein Leben ist öde und leer geworden, so nutzlos, wie die welken Blätter an den Bäumen. Alles habe ich verloren, was für mich Glück bedeutete. Meine ganze Familie, meine Verlobte Katharina, damals in Schlesien, auf der Flucht. Dabei hätte ich so gerne eine Familie gegründet. Meine ganze Hoffnung setzte ich dann auf die Irina. Sie hatte so große Ähnlichkeit mit meiner Verlobten… doch leider nicht ihr liebes Wesen. Mit zu Vielen musste ich ihre Liebe teilen. Im Herbst vor vier Jahren eröffnete sie mir bei einem Spaziergang auf der Kastanienallee, dass sie schwanger sei - von mir. Sie sagte noch, dass sie mich sehr mag, doch heiraten würde sie mich nicht. Sie wolle nicht arm bleiben, und deshalb würde sie als Vater den Friederich vom Gut Helpenstein angeben. Es gab einen heftigen Streit, ich bat und flehte... dann lag sie leblos vor mir. Beim Losreißen aus meiner Umklammerung war sie heftig gegen den Stamm des Kastanienbaums geprallt. Sie fiel benommen zu Boden und schlug mit dem Kopf auf einen großen Feldstein auf. Der Tod muss augenblicklich eingetreten sein.
Damit starb meine Hoffnung, starb mein Kind und damit starb mein Ich. Die letzten Jahre waren nur noch Pein. Ich fühle Schuld, auch wenn ich keine habe. Meinem Leben werde ich nun ein Ende setzen. Ich möchte nur noch Frieden.
Samstag, den 3. Oktober 1953, Alfred Grünbach
"Tja, das klingt irgendwie glaubwürdig“, meint Weiermann zur Anna gewandt. „Mord schließe ich dann mal aus. Einen Mörder gibt es nicht, dafür war das angebliche Opfer männermordend. Lassen wir Kastanien über die Sache wachsen.“ Das mächtige Doppelkinn wabert bei seinem Lachen nun auf und ab.
Es ist ein schöner Herbsttag, die Luft ist lau und blau, eine friedvolle Stille liegt über dem Land. Anna nimmt die kleine Paula an der Hand. Beide wandern ein Stück an der Kastanienallee entlang. „Omi, die Kastanien singen heute wohl gar nicht.“ „Nein“, antwortet Anna, „die Kastanien werden nicht mehr singen…, komm’, fahren wir heimwärts."
Ende



